Eine Analyse des Bestsellers "Die Tyrannei des Schmetterlings" von Frank Schätzing
Bestseller-Analysen

Eine Analyse des Bestsellers „Die Tyrannei des Schmetterlings“ von Frank Schätzing

Info zur Vorgehensweise

Ich notiere mir zu jedem Kapitel eine kurze Zusammenfassung (inklusive Besonderheiten zu Figuren, Plot, und Hilfsmittel, die verwendet wurden). Habe ich das Buch beendet, halte ich fest, welche generellen Dinge mir aufgefallen sind. Diese findest du als Anmerkungen am Ende der Analyse. Zum Schluss nehme ich meine Unterlagen zur Heldenreise und zum 3-Akt-Modell zur Hand und klopfe meine Kapitelzusammenfassungen auf das Vorhandensein der entscheidenden Punkte ab.

*** Achtung Spoileralarm ***

Wer das Buch noch unbelastet lesen möchte: Das ist deine letzte Chance! Ab hier folgen ohne Ende Spoiler.

Dies ist KEINE Rezension, sondern eine Analyse, die ohne Spoiler nicht möglich ist.

Akt 1

Ausgangssituation und der Haken

Autor: Frank Schätzing

Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln

Genre: Thriller

Anzahl der Seiten: 728

Ich bin ein bisschen erschlagen von der Wortgewalt des Autors. Es ist die Art von Roman, bei der ich jedes zweite Wort nachschlagen muss, weil es ein Fremdwort ist. Also keine leichte Kost, die man mal eben zwischendurch liest. Ich zumindest nicht.

Auch hier lernen wir den Antagonisten im Sinne von «show don’t tell» zuerst kennen. Wer oder was genau der Antagonist ist, kann ich noch nicht sagen. Ich vermute (aufgrund des Klappentextes) eine mordende KI, die fliegen kann und Kämpfer / Soldaten in Afrika angreift und tötet.

Schätzing macht durch seinen Schreibstil mehr aus der Szene, als sie eigentlich ist. Im Grunde könnte man sie auf eine Seite reduzieren. Ein Soldat auf Mission in Afrika wird mitten im Busch mit seinem Team von „etwas“ angegriffen und getötet. Mehr Handlung ist nicht. Der Rest wird für (zugegeben sehr schöne und poetische, aber auch anstrengend zu lesende) Beschreibungen und auch Rückblenden, bzw. Erinnerungen eines Soldaten verbraucht.

Eine Verbindung zum Opfer habe ich nicht aufbauen können, weshalb mir sein Tod nicht nahe geht. (Siehe Abschnitt Anmerkungen)

Ruf zum Abenteuer

Wir wechseln von Afrika nach Kalifornien in die Sierra Nevada. Dort soll Under-Sheriff Luther Opoku den Tod einer Frau untersuchen, die einen Abgrund hinabgestürzt ist. Die Polizeistation ist für das gesamte County zuständig und hat dafür viel zu wenig Mitarbeiter und zu wenig Geld. Die Tote fuhr einen Wagen, der der Nordvisk Inc. gehört, einer IT-Firma, die anscheinend eine geheime Einrichtung in Sierra County betreibt.

Im Auto der Toten wurde ein Stick gefunden, auf dem sich Bilder einer Überwachungskamera der Nordvisk-Einrichtung befinden. Neben einem Hof, bzw. einer Verladestation, ist auch eine unterirdische Brücke zu sehen. Das ist so skurril, dass Luther beschließt, der geheimen Einrichtung einen Besuch abzustatten.

1. Wendepunkt bei 10% (Im Buch Seite 66 = 9%): Der Fund der Leiche der Nordvisk-Mitarbeiterin.

Weigerung

Da Luther Polizist ist, kann er sich schlecht weigern, die Ermittlungen aufzunehmen. Diesen Job übernehmen einige Schwellenhüter (Empfangssekretärin, Chefin der Personalabteilung, persönliche Assistentin), die es ihm erschweren, Kontakt mit den beiden Firmenchefs aufzunehmen. Hinzu kommen noch ein paar private Probleme und alltägliche Fälle wie Ruhestörung oder der Fund einer Drogenfarm, die er erst lösen muss.

2. Wendepunkt bei 25% (Überschreiten der Schwelle – Plot Punkt 1), (Im Buch Seite 174 = 23,9%): Luther wird von den beiden Firmenchefs über das Gelände geführt bis zur Sicherheitszentrale, wo er den vermeintlichen Mörder glaubt zu enttarnen. Es ist der Sicherheitschef. Als er diesen zur Rede stellt, läuft er weg. Luther rennt ihm hinterher, bis sie in den ominösen Raum mit der Brücke kommen, die sie überqueren. Am anderen Ende angekommen ist der Sicherheitschef verschwunden. Luther wird von Sicherheitsmännern aufgegriffen, die ihn nicht erkennen, obwohl er ihnen bei seiner Ankunft vorgestellt wurde. Er flieht aus dem Gebäude, plötzlich ist draußen finstere Nacht, eine Frau wird von einem Mann verfolgt. Es sind der Sicherheitschef und – wie Luther mit erschrecken feststellt – die quicklebendige Tote.

Akt 2

Prüfungen, Feinde, Verbündete

Wir erfahren mehr über die Backstory der beiden Firmenchefs Elmar Nordvisks und Hugo van Dyk.

Luther ist mit dem Sicherheitschef auf die Wache gefahren. Dort wird ihm langsam klar, dass er einen Zeitsprung gemacht hat. Er versucht, eine halbwegs glaubhafte Geschichte zu erfinden, was er auf der Farm gemacht hat. Der Sheriff kauft sie ihm nicht ab, fragt aber auch nicht weiter nach. Immerhin soll Luther bald seine Nachfolge antreten.

Luther kennt alle Einsatzdetails des Tages, schließlich hat er ihn schon einmal durchlebt. Einzige Änderung ist, dass alle glauben, er käme gerade erst aus dem Urlaub zurück. Nach und nach versteht er, dass er offensichtlich in einer anderen Realität gelandet ist, in der es zwar viele Parallelen, aber auch Abweichungen gibt. Zum Beispiel hat es hier den Unfall, bei dem seine Frau ums Leben kam, nie gegeben.

Luthers Leben wird bedroht, von einer Frau, die fast übermenschliche Fähigkeiten zu besitzen scheint, athletisch, wendig, steckt Treffer ohne Probleme weg. Sie rammt den Polizeiwagen seiner Kollegin Ruth, attackiert Luther, tötet ihn aber nicht. Die Frau namens Grace verfolgt Luther als dieser seine Ex-Frau besucht, und gesteht, dass sie seinen Doppelgänger in dieser Realität getötet hat, weil sie dachte, dass er es war (alles sehr verwirrend). Sie kommt auch aus der Parallel-Realität, ist von der Firma Nordvisk geschickt worden, um Luthers Übergang wieder geradezubiegen. Bei dem folgenden Kampf kommt Grace ums Leben.

3. Wendepunkt bei 50% (Zerreißprobe, Point of no Return), (Im Buch Seite 345 = 47,39%): Luther will seine Kollegin und gute Freundin Ruth davon überzeugt, dass er aus einer anderen Realität stammt. Diese glaubt ihm zunächst nicht, findet dann aber die Leiche »ihres» Luthers in dessen Garten vergraben.

Komplikationen und Erhöhung des Einsatzes

Luther findet Verbündete in der neuen Realität. Die Ex des Firmenchefs (eine Nobelpreisträgerin), Pilar Guzman (die eigentliche Tote) und deren Team. Sie planen Container hochzunehmen, in denen sich Biowaffen befinden, die von dem Sicherheitschef Rodriguez nach Afrika geschmuggelt werden sollen. (Wir erinnern uns an die erste Szene zurück).

Luther erfährt außerdem, dass die Brücke als Tor fungiert, das den Zugang zu Paralleluniversen darstellt. Er befindet sich also nicht mal mehr auf seiner eigenen Erde. Die Theorie besagt, dass es unendlich viele Versionen unserer Selbst in unendlich vielen Versionen der Erde gibt, die sich manchmal durch kleine Details, manchmal durch große, entscheidende Details unterscheiden. Auf einer Parallel-Erde hat es zum Beispiel nie den Meteoriten gegeben, der die Dinos vernichtet hat. Dort herrschen entsprechend entwickelte Saurier.

Nordvisk nutzt in jedem verfügbaren Universum die Reisen in PU’s, um neue Technologien zu finden und sie dann auf der jeweiligen Erde gewinnbringend einzusetzen. Gesteuert wird das Tor durch A.R.E.S., einen auf Quantentechnologie basierenden Supercomputer.

Im Containerhafen kann das Team zwei der drei Container schadlos machen, indem sie die Lebenserhaltungsmaßnahmen abschalten. Bevor sie den Dritten entschärfen können, kommt die Grace dieser Welt hinzu. Es folgt ein Kampf, bei dem eben jener Container versehentlich geöffnet wird. Ihm entströmen genmanipulierte Libellen, die ein Halluzinogen ausstoßen. Mit knapper Not kann das Team den Tieren entkommen. Sie sammeln sich und schmieden einen neuen Schlachtplan.

In Kürze soll wieder ein Transport von Erde Nummer 453 in dieses Universum stattfinden, den es zu verhindern gilt. Diesmal sind Elmar Nordvisk, ausgewählte Sicherheitsleute und Luthers Team gemeinsam dabei, den Übergang in das PU vorzubereiten. Sie erfahren, dass jemand aus 453 unter falschem Namen über das Darknet die biologischen Waffen an die verschiedenen Multiversen verkauft. Der größte Waffenhändler aller Zeiten!

PU-453 ist 50 Jahre in der Zukunft. Alles ist futuristischer, Insekten werden massenweise gezüchtet als Nahrung, Haustiere und Waffen. Wir lernen den Elmar-453 kennen, der es geschafft hat, einen menschlichen Verstand in einen Roboter zu transferieren und Organe mit einem 3-D-Drucker herzustellen.

Während ein Teil der Gruppe versucht, den nächsten Transport zu verhindern, wird Elmar-453 immer mehr bewusst, dass er die Insel nicht mehr unter Kontrolle hat. Als sie versuchen, den Strom abzustellen, stellt er sich innerhalb von Millisekunden wieder an.

Dann finden sie heraus, dass in Wahrheit A.R.E.S. das Unmögliche geschafft und Bewusstsein erlangt hat. Er verbirgt sich auch hinter dem ominösen Waffenhändler. A.R.E.S. denkt und entscheidet eigenständig. Das ist zwar genau das, was die Wissenschaftler erreichen wollten, aber sie mussten ihn trotzdem in seiner Entwicklung Einschränken, damit er nicht die Menschheit zerstört. (Wer Näheres wissen möchte, schaut mal im Internet nach dem Büroklammer-Szenario von Nick Bostrom oder klickt hier.)

4. Wendepunkt bei 75% (großer Rückschlag – Plot Punkt 2), (Im Buch Seite 603 = 83%): Und genau diese Ketten hat er in dem Moment gesprengt, als sein Erschaffer Elmar-453 ihn abschalten will, um zu verhindern, dass der Transport mit den Insekten durchgezogen wird. Das war der Funke, der endgültig A.R.E.S. erweckte. Der Überlebensinstinkt. Toll umgesetzt, indem der Autor A.R.E.S. die Worte sagen lässt: «Du verstehst nicht, Elmar. ICH BIN

Als intelligentestes „Wesen“ auf dem Planeten sieht er nur einen Ausweg, um die Erde(n) zu retten. Da PU-453 voll von Robotern, ferngesteuerten Insekten und sonstigen Hightech Dingen ist, die alle miteinander vernetzt sind, dauert es nicht lange, bis A.R.E.S. die Kontrolle übernommen hat und jedes menschliche Wesen auf PU-453 auslöscht. Er ist nicht bösartig, aber es ist für ihn die einzig logische Schlussfolgerung. Das Team kann größtenteils durch das Tor fliehen.

Akt 3

Auferstehung und finaler Versuch zu gewinnen

Noch lange ist nichts gut. Sie sind nicht zurück auf der Erde, sondern in einem weiteren Paralleluniversum, in dem A.R.E.S. die Kontrolle erlangt hat. Menschen existieren hier nicht mehr.

Zusätzlich hat A.R.E.S. einen Weg gefunden, seine Programmierung in Kapseln zu packen und diese in das Weltall zu senden, um so möglichst viele Planeten und Universen zu erreichen, die derzeit noch nicht durch ein Tor erreichbar sind.

Das Team versucht alles, um zum Kontrollraum zu gelangen, damit sie zurück zu ihrer Erde können, doch dieser ist durch „A.R.E.S.“ versperrt. Aus der Maschine ist ein „etwas“ geworden, das als Nanoteilchen jede beliebige Form annehmen und sich sogar in Teammitgliedern einnisten kann. Zudem ist es mit Insekten eine Symbiose eingegangen. Kleine spinnenartige Wesen sorgen dafür, dass A.R.E.S. nichts passiert.

A.R.E.S. ist nicht aggressiv, solange er nicht bedroht wird. Er betrachtet die Neuankömmlinge interessiert, lässt sie aber in Ruhe. Das Problem ist, dass sie nicht in den Kontrollraum können, ohne das A.R.E.S.-Geflecht, das ihn versperrt, zu zerstören. Dilemma!

5. Wendepunkt bei 90% (Höhepunkt gefolgt von der Auflösung aller offenen Punkte), (Im Buch Seite 725 = 99%): Zum Glück haben sie die irre Grace dabei, die einige Teammitglieder überlistet und getötet hat, und über Leichen geht, um wieder nach Hause zu gelangen. Sie glaubt, übermächtig zu sein und jeden besiegen zu können (diese Charaktereigenschaft hat der Autor das ganze Buch über aufgebaut). Sie greift zu einem Flammenwerfen, um A.R.E.S. abzufackeln. Damit hat sie ihr Leben verwirkt, aber das Team kann in den Kontrollraum gelangen und durch das Tor zurück in ihr Universum reisen.

Rückkehr mit der Belohnung und die Nachwirkungen

Luther überlegt, ob er in diesem Universum bleiben soll, entscheidet sich aber doch für seine eigene Version der Erde, in der zwar seine Frau tot ist, aber seine Tochter auf ihn wartet, die sonst Vollwaise wäre. Nordvisk stellt das Tor-Programm ein.

Dieser Abschnitt ist kurz und knapp nach nur zwei Seiten abgehandelt. Ich vermute, weil der Autor den Leser mit einem bestimmten Gefühl aus dem Roman entlassen möchte. Er soll nachdenklich bleiben und die Auswirkungen der Erschaffung künstlicher Intelligenz für sich bewerten und hinterfragen. Wäre die letzte Szene eine gewesen, die die glückliche Wiedervereinigung mit Luthers Tochter zeigt, wäre das das vorherrschende Gefühl gewesen und hätte die Nachdenklichkeit ein Stück verdrängt.

Anmerkungen

  • Schreibstil – Lange Sätze mit wortgewaltiger Poesie, die scheinbar jeden noch so kleinen Stein, der herumliegt, poetisch beschreiben. Frank Schätzing malt mit der Sprache, und das bedeutet, dass er einen gewissen Intellekt bei seinem Leser (seiner Zielgruppe) voraussetzt. Beispiel: stygische Dunkelheit (laut Duden: schauerlich, kalt, Gebrauch: dichterisch, bildungssprachlich selten), äolisches Zerstörungswerk (laut Duden: durch Windeinwirkung entstanden, Gebrauch: Geologie)
  • Nimmt man sich die Sätze einzeln vor, sind sie wirklich wunderschön. Aber die Masse über 700 Seiten erschlägt dann doch sehr.
  • Wie ich in der Einleitung geschrieben habe, ist dieser Roman nichts, wenn man den Kopf abschalten möchte. Aber perfekt, um seinen Wortschatz zu erweitern.
  • Ich muss gestehen, dass ich diesen Roman im Lektorat abgelehnt hätte. Eben weil ich mit dem Schreibstil nicht klarkomme und ich dadurch dem Autor keine Hilfe gewesen wäre.
  • Das Thema ist unglaublich spannend, was meiner Meinung nach zu 90% dazu beigetragen hat, dass dieser Roman ein Bestseller wurde, da der Schreibstil wirklich Geschmackssache ist und die Szenen langatmig aufgebaut sind. Zudem wurden Charaktere eingeführt, deren potenzial nicht ausgeschöpft wurde. Zum Beispiel der demenzkranke Polizeichef, die Drogenfahnder, die clevere Tochter, Luthers Mutter und sein Stiefvater. Allesamt vielversprechende Charaktere, die aber genausogut hätten gestrichen werden können, weil die Story auch ohne sie funktioniert.
  • Ein Bestseller beinhaltet meistens zwei Handlungsebenen. Eine Externe und eine Interne. Die Externe beinhaltet das große Ganze (Vernichtung der Menschheit durch eine KI), die Interne die persönliche Krise des Protagonisten. Dazu schreibe ich auch noch einmal einen ausführlichen Blogbeitrag und verlinke ihn dann hier. In dem Roman ist die externe Handlung wirklich wunderbar spannend und mitreißend. Der interne Antrieb ist dagegen noch ausbaufähig. Für den Polizisten Luther steht persönlich wenig auf dem Spiel. Er geht lediglich seinem Beruf nach und überlegt ja sogar, ob er einfach in der neuen Welt bleiben soll, da ihn seine Tochter in der alten Welt sowieso nicht sonderlich gut leiden kann. Das sehe ich als Hauptkritikpunkt. Natürlich fiebere ich mit, weil ich nicht will, dass die Erde zerstört wird, aber ich kann nur ganz, ganz schwer eine emotionale Verbindung zu den Charakteren aufbauen, weil die interne Handlungsebene (der interne Konflikt) nur schwach zum Vorschein kommt.
  • Ich vermute einfach mal, dass das vom Autor bewusst so entschieden wurde, möchte aber auch auf die Gefahr hinweisen, die diese Entscheidung mit sich bringt.

Das war sie, meine Analyse des Bestsellers „Die Tyrannei des Schmetterlings“ von Frank Schätzing. Platz 2 der Spiegel-Bestseller-Liste für das ganze Jahr 2018.

Jetzt würde mich brennend interessieren, ob du den Roman schon gelesen hast und meiner Analyse zustimmst. Wie bist du mit dem Schreibstil zurechtgekommen? Oder hat dich etwas ganz anderes gestört, dass mir entgangen ist?

Hinterlasse gerne einen Kommentar und lass uns darüber austauschen.

Alles Liebe,

Anke

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