Analyse des Bestsellers "Der Insasse" von Sebastian Fitzek
Bestseller-Analysen

Eine Analyse des Bestsellers „Der Insasse“ von Sebastian Fitzek

Info zur Vorgehensweise Bestseller-Analyse

Ich notiere mir zu jedem Kapitel eine kurze Zusammenfassung (inklusive Besonderheiten zu Figuren, Plot, und Hilfsmittel, die verwendet wurden). Habe ich das Buch beendet, halte ich fest, welche generellen Dinge mir aufgefallen sind. Diese findest du als Anmerkungen am Ende der Bestseller-Analyse. Zum Schluss nehme ich meine Unterlagen zur Heldenreise und zum 3-Akt-Modell zur Hand und klopfe meine Kapitelzusammenfassungen auf das Vorhandensein der entscheidenden Punkte ab.

*** Achtung Spoileralarm ***

Wer das Buch noch unbelastet lesen möchte: Das ist deine letzte Chance! Ab hier folgen ohne Ende Spoiler.

Dies ist KEINE Rezension, sondern eine Analyse, die ohne Spoiler nicht möglich ist.

Akt 1

Ausgangssituation und der Haken

Autor: Sebastian Fitzek

Verlag: Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Genre: Psychothriller

Anzahl der Seiten: 365

Der Autor startet damit, den Antagonisten Guido Tramnitz einzuführen. Das ist in dem Genre keine Seltenheit und hat den Effekt, dass der Leser direkt am Haken hängt. In vielen Thrillern besteht die erste Szene darin, die Macht des Antagonisten zu zeigen, indem wir durch die Augen des Opfers am eigenen Leib die Lebensgefahr spüren (Show don’t tell!), die von dem Antagonisten ausgeht.

Wie schafft der Autor das genau? Wir erleben die Verzweiflung einer Mutter, die mit einem Polizisten zu einem Keller unterwegs ist, in dem ihre Tochter getötet wurde. Sie hofft, dadurch ihre Kleine loslassen und abschließen zu können. Der Polizist ist sehr einfühlsam, fragt sie einige Male, ob sie sich wirklich sicher ist. Der Leser mag ihn und vertraut ihm. Im Keller angekommen findet der Twist statt: Der Polizist entpuppt sich als Fake. Er ist der Mörder ihrer Tochter und hat sie nur in den Keller geführt, um sich an ihrem Leid zu ergötzen, bevor er auch sie umbringt.

Um nach diesem Schock ein wenig Ruhe hineinzubringen lernen wir nun den Protagonisten Till Berghoff in seinem Alltag kennen.

Ruf zum Abenteuer

Tills Sohn Max wird entführt. Die Hinweise des Autors und die Erfahrung aus Kapitel 1 lassen den Leser ohne Zweifel schließen, dass Tramnitz der Entführer ist.

Es folgt ein Zeitsprung von einem Jahr. Man hat zwar den mutmaßlichen Mörder gefasst (es ist der Antagonist Tramnitz), aber die Leiche des Sohns wurde bislang nicht gefunden. Till wurde von seiner Frau verlassen, hat seinen Job verloren und kämpft mit der Ungewissheit, ob sein Kleiner nicht vielleicht doch noch lebt. Denn Tramnitz hat alle Morde gestanden, nur den an Tills Sohn nicht. Der Protagonist ist an einem absoluten Tiefpunkt und zu allem bereit, um endlich Frieden zu finden.

1. Wendepunkt bei 10% (Im Buch Seite 40 = 10,95%): Till erfährt aus einem TV-Bericht, dass der Killer in die Psychiatrie verlegt wird. Das ist die Chance für Till, um sich ihm zu nähern und persönlich zu befragen, da die Polizei die Suche nach Max eingestellt hat.

Weigerung

Die erfolgt hier in Gestalt des Schwagers von Till, der als sogenannter „Schwellenhüter“ fungiert, der den Protagonisten davon abhalten soll, die Reise anzutreten. Er ist Polizist und soll ihm helfen sich in die Psychiatrie einzuschleusen. Verständlicherweise braucht Till all seine Überzeugungskraft, damit sein Schwager einwilligt. Wir haben es mit einem sehr aktiven Protagonisten zu tun, der alles daran setzt, sein Ziel zu erreichen. So soll es sein.

2. Wendepunkt bei 25% (Überschreiten der Schwelle – Plot Punkt 1), (Im Buch Seite 79 = 21,64%): Der Schwager hat ihm eine falsche Identität besorgt, unter der Till nun im Krankenwagen auf dem Weg in die Psychiatrie ist, um dort als V-Mann zu fungieren. Das Überschreiten der Schwelle wird sehr schön im Text geschildert. Die Psychiatrie liegt auf einer Insel, die durch einen heraufziehenden Sturm bald von der Außenwelt abgeschnitten sein wird. Ein letztes Mal macht der Schwager Till noch auf die Gefahren aufmerksam (und ruft sie damit auch dem Leser in Erinnerung). Er bietet ihm die Möglichkeit, einen Rückzieher zu machen und zu seinem Alltag zurückzukehren. Das ist übrigens eine Pflichtszene in jedem Roman! Hier sollte der Protagonist aktiv die Reise antreten wollen. Dafür muss der Autor ihm vorher gute Gründe liefern.

Akt 2

Prüfungen, Feinde, Verbündete

Wir erleben gemeinsam mit Till seinen neuen Alltag in der Psychiatrie. Er hat diverse Prüfungen zu bestehen, um die Glaubwürdigkeit seiner Tarnidentität aufrecht zu halten. Wir lernen einen weiteren Feind kennen, Dr. Marten Kasov, der seine ganz eigenen Pläne innerhalb der Psychiatrie verfolgt und den man schon als Handlanger des Antagonisten bezeichnen kann. Zudem einen gewalttätigen Patienten, mit dem Till die Zelle teilen muss. Verbündete kann Till aber auch gewinnen. Eine Patientin und die Klinkleiterin, die schon lange vermutet, dass Kasov illegale Dinge tut, die sie ihm aber nie nachweisen konnte. Hier ist sehr schön die Ausgewogenheit des Figurenensembles zu erkennen, weil jeder seinen Gegenspieler hat. Noch sind die Antagonisten mächtiger, aber nicht unschlagbar.

3. Wendepunkt bei 50% (Zerreißprobe, Point of no Return), (Im Buch Seite 176 = 48,22%): Till erfährt, dass Tramnitz auf der nicht hermetisch abgeriegelten Krankenstation liegt. Das ist die Chance, ihn zu stellen. Tills Schwager gibt ihm noch 24 Stunden, bevor er ihn aus der Klinik holt. Diese „Ticking Clock“ ist ein sehr gutes Hilfsmittel, das die Spannung erhöht.

Komplikationen und Erhöhung des Einsatzes

Um auf die Krankenstation zu kommen provoziert Till den gewalttätigen Insassen und lässt sich von ihm einen Stuhl über den Kopf ziehen.

Protagonist und Antagonist treffen nun zum ersten Mal direkt aufeinander.

Kasov will diese Chance auch nutzen, und Till endgültig aus dem Weg haben. Warum genau weiß der Leser jetzt noch nicht. Er verschafft Tramnitz eine Rasierklinge, mit der er Till umbringen soll. 

Die Krankenstation ist verwaist, da durch das Unwetter (wir erinnern uns) viele Patienten verlegt wurden und nur noch ein Pfleger über die Station wacht. Tramnitz und Till liegen quasi Tür an Tür. Kein Ausweichen möglich. Ein toller Schmelztiegel, der die Figuren dazu zwingt miteinander zu interagieren. Anzumerken ist, dass das Szenario nicht neu ist. Man nehme eine Insel oder eine Hütte im Nirgendwo und lasse ein Unwetter aufziehen, dass es unmöglich macht, zu fliehen.

4. Wendepunkt bei 75% (großer Rückschlag – Plot Punkt 2), (Im Buch Seite 241 = 66%): Der Antagonist hat Till durchschaut und spielt mit ihm nach belieben. Als Till ausrastet und ihn verprügelt, erntet er nur Gelächter von Tramnitz. Wir erfahren, dass er eine Borderline-Störung hat, und ist darüber hinaus nur durch Extreme zu irgendeiner Empfindung fähig. Daher ergötzt er sich so sehr an dem Leid anderer und quält sie, um endlich selbst etwas zu empfinden. Folter und Prügel helfen Till also nicht weiter. Töten kann er den Antagonist auch nicht, da er noch immer nicht damit herausrückt, wo die Leiche von Max ist. Dafür lockt er Till mit der Aussicht, dass sein Sohn doch noch lebt. Er will ihm alles verraten, wenn Till ihm hilft aus der Anstalt zu fliehen.

Akt 3

Auferstehung und finaler Versuch zu gewinnen

Die „Auferstehung“ ist hier sehr interessant umgesetzt. Es häufen sich ab sofort Hinweise, dass mit Till etwas nicht stimmt. Telefonnummern existieren nicht mehr, ein Handy fühlt sich auf einmal „anders an“, sein Schwager ist schon jahrelang tot.

Aufgrund des Unwetters soll Tramnitz in wenigen Stunden verlegt werden (Ticking Clock). Das ist die Chance für einen Ausbruch. Till besiegt Kasov, der ihn nun höchstpersönlich umbringen wollte, nachdem der Antagonist daran kein Interesse mehr hat. Er zieht Kasovs Arztkittel an, geht zu Tramnitz Zimmer, doch da wartete bereits ein Arzt, der ihn gerade verlegen will. Diesen Arzt haben wir im Laufe der Geschichte kennengelernt und wissen um sein Alkoholproblem. Er wird kurzerhand als Geisel genommen und sie fliehen alle zusammen in dessen Porsche aus der Anstalt und zu dem Ort, an dem Max angeblich gefangen gehalten wird.

5. Wendepunkt bei 90% (Höhepunkt gefolgt von der Auflösung aller offenen Punkte), (Im Buch Seite 326 = 89,31%): Tills Sohn lebt tatsächlich noch. Die Entführung hat nie stattgefunden. Er wurde damals angefahren – von dem betrunkenen Arzt, in dessen Haus wir uns auch befinden. Um seine Approbation nicht zu verlieren hat er den Kleinen gesund gepflegt. Er kann ihn aber nicht gehen lassen und wollte daher Tramnitz dafür bezahlen, dass dieser den Kleinen für ihn umbringt, hat es sich jedoch zwischenzeitlich anders überlegt. Der Arzt wird daraufhin von Tramnitz erschossen. Till will verzweifelt seinen Sohn befreien, bevor der Antagonist ihn umbringen kann. Nach und nach kehren Erinnerungen zurück, gefolgt von der Erkenntnis, dass er nicht Till ist, sondern in Wirklichkeit der Mann, dessen Tarnidentität er angenommen hat. Er hatte den Verstand verloren, weil er seinen kleinen Jungen vor einigen Jahren am heißesten Tag des Jahres im Auto vergessen hatte und dieser daraufhin qualvoll starb. Till kann den Antagonisten besiegen und den kleinen Jungen retten.

Rückkehr mit der Belohnung und die Nachwirkungen

Der Junge ist gerettet und kann den wirklichen Eltern übergeben werden.

„Till“ ist zurück in der Anstalt, aber wir sind als Leser nicht mehr in seinem Kopf. Das muss auch so sein, da es diesen „Till“ niemals gab und das wissen wir jetzt. Wir erfahren, dass er diese „Sprünge“ in andere Persönlichkeiten oft hat. So war er einmal ein Detektiv, der es fast schaffte, die Machenschaften von Kasov aufzudecken, was erklärt, weshalb dieser ihn umbringen wollte.

Am Ende erfahren wir, dass „Till“ derzeit ein Enthüllungsjournalist ist und nach allem, was er durchgemacht hat, wünschen wir ihm, dass er endlich Frieden finden kann.

Anmerkungen

  • Die Kapitel sind extrem kurz. Maximal fünf Seiten. Das Kürzeste hatte sogar nur zwei. Warum dies sinnvoll ist, hat sich mir beim Lesen nicht erschlossen.
  • Es gibt ein paar Zufälle, die aber genug Glaubwürdigkeit beinhalten, damit der Leser es dem Autor durchgehen lässt. Zum Beispiel wird ein Tagebuch gefunden, nachdem der Protagonist durch das Zimmer stolpert und versehentlich gegen die Schublade kommt, in der es versteckt ist. Dass er stolpert, ist glaubwürdig, da er eine schwere Kopfverletzung hat. Es hat trotzdem einen gewissen Beigeschmack.
  • Die Sache mit dem Unwetter ist mir dagegen sauer aufgestoßen. Es ist eindeutig alleine dafür da, damit der Schmelztiegel funktioniert, und wirkt zu konstruiert. So ein schlimmes, über Tage andauerndes Unwetter ist mir in Deutschland neu.
  • Erzählperspektive: Wechselnde personale Erzähler pro Kapitel. Diese sind durch entsprechende Kapitelüberschriften gekennzeichnet.

Das war sie, meine Analyse des Bestsellers „Der Insasse“ von Sebastian Fitzek. Hast du gewusst, dass das Buch erst im November 2018 erschien und trotzdem auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste für das ganze Jahr 2018 steht?

Jetzt würde mich brennend interessieren, ob du den Roman schon gelesen hast und meiner Analyse zustimmst. Haben dich die extrem kurzen Kapitel gestört? Vielleicht siehst du die Struktur auch ganz anders? Oder hast du vielleicht noch andere Punkte gefunden, die mir entgangen sind?

Hinterlasse gerne einen Kommentar und lass uns darüber austauschen.

Alles Liebe,

Anke

4 Kommentare

  • Avatar
    Yvonne

    Liebe Anke,
    ich habe das Buch nicht gelesen und das auch nicht vor, aber deine Analyse fand ich super interessant und sehr schön strukturiert und fundiert. Tut mal richtig gut, einen Bestseller so auf sein Skelett auseinanderzunehmen.
    Danke für den tollen Beitrag, den verlinke ich gleich mal in meinem Mai Rückblick! 🙂
    Viele Grüße
    Yvonne

    • Avatar
      LektorinAnke

      Hallo liebe Yvonne,
      das freut mich sehr. 🙂
      Falls du mal einen Wunsch hast, welchen Bestseller ich noch analysieren soll, lass es mich ruhig wissen. Aktuell nehme ich mir die Spiegel Bestsellerliste 2018 der Reihe nach vor.
      Viele Grüße
      Anke

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